Icegirl

Endlich habe ich mal wieder ein paar Zeilen geschrieben. Gut, man soll den Tag nicht vor dem Abendprogramm loben, aber ich dachte, ich poste hier einen kleinen Ausschnitt. Immerhin passt es zur Jahreszeit, auch wenn sich der Frost dieses Jahr wieder mächtig ziert:

Im Januar ging sie in einer Freistunde in den Park. Sie ging allein, das Phänomen, wie sie es insgeheim nannte, hatte sie von ihren alten Freundinnen ferngehalten.
Eine Lehrerin hatte ihr verraten, dass die anderen sie „Icegirl“ nannten. Wenn sie nur geahnt hätten, wie passend der Name war!
Es war ein klarer Tag und die Sonne funkelte in unzähligen Eiszapfen an Bäumen und Dachrinnen. Gegenüber der Schule, gerade auf der anderen Seite des Parks, war ein Kiosk, an dem sich die Schüler oft mit Süßigkeiten und Getränken eindeckten, sehr zum Ärger des Hausmeisters, der so auf seinen überteuerten Müsliriegeln sitzen blieb.
Sie kaufte sich einen Kaffee bei der Besitzerin, einer Frau um die sechzig mit einer schwarz gesprenkelten Nase und einem freundlichen, atemlosen Lachen.
Da Liese nur einen Geldschein hatte, musste die Frau ihr Wechselgeld herausgeben. Die Kioskbesitzerin stellte den dampfenden Kaffee auf die Fensterbank und griff nach Lieses Hand, um ihr die Münzen hineinzudrücken.
Als Liese klar wurde, was sie vorhatte, zuckte sie zurück und stieß den Kaffeebecher um. Er kippte vom Fensterbrett und etwas von seinem Inhalt schwappte heraus. Es gelang Liese gerade noch so, ihn aufzufangen.
„Entschuldigen Sie“, murmelte sie verlegen und wischte mit der freien Hand die Kaffeepfütze vom Brett.
Ihre Hand stockte mitten in der Bewegung und ließ sich nicht mehr bewegen.
Es dauerte einen Moment, bis Liese begriff, was passiert war: Ihre linke Hand war in der eben noch dampfenden Pfütze festgefroren.
Die Kioskbesitzerin glotzte verblüfft und klopfte dann gegen die bräunliche Eisscheibe auf ihrem Fensterbrett. „Ist ja verrückt. Hätte nicht gedacht, dass es so kalt ist.“

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