Krötenmutanten versus der Weihnachtsmann

„Sie mögen uns nicht, nicht wirklich“, sagt Mikas Schwester, und meint damit ihre Eltern. Dieser Ausspruch gibt die Richtung vor, die Jasper Nicolaisens Debütroman „Winteraustreiben“ nimmt.

Nicolaisen hat bisher eine Handvoll Kurzgeschichten veröffentlicht, von denen ich lediglich die ziemlich beeindruckende „Der vorletzte Mensch auf Proteia“ kenne. (Die bloße Tatsache, dass ich den Titel ohne Nachdenken einfach so eintippen kann, bedeutet schon einiges – es gibt etliche tolle Kurzgeschichten, bei denen ich Namen und Autor googeln müsste.) Die Geschichte bestach in erster Linie durch, sagen wir mal, literarische Erzähltechnik. Ansonsten ist Nicolaisen Übersetzer und überträgt – ähnlich wie und zuweilen zusammen mit – Kollege Jakob Schmidt diverse Phantastik aus dem Englischen. Das beginnt bei seltsamer Pseudo-Buffy-Fanfiction und endet noch lange nicht bei preisdekorierten Sammlungen im Golkanda-Verlag.

Diese Mika in „Winteraustreiben“ ist ein eher typischer Teenager aus einer durchschnittlichen deutschen Familie, die Eltern nicht richtig reich, aber bei weitem nicht verarmt, beide gebildet, der Vater Diplompsychologe mit allem was dazugehört, inklusive hipper Karriere in der Unternehmensoptimierung (oder wie auch immer man das nennt, wenn man als Psychologe in der echten Wirtschaft arbeitet). Die genannte Schwester ist schon rechtzeitig nach Berlin verschwunden und hat sich damit in ein bloßes Icon auf Mikas Smartphone verwandelt, das ab und zu noch mal coole, aber wenig hilfreiche Kurznachrichten absondert. Die Idylle ist zerstört, denn die Eltern fühlen sich gefangen, durch die Töchter um ihre Träume betrogen. Die Kinder dagegen spüren, dass die von den Eltern zelebrierte Gemütlichkeit nur Fassade ist. Da bietet sich ein unerwarteter Ausweg: Der Weihnachtsmann(!) bietet sich an, die verbliebene, unbequeme Tochter mitzunehmen, natürlich nach umfassender Bespitzelung durch einen reptiloiden Weihnachtkobold, um abzusichern, dass Mika es auch verdient hat, zum Nordpol verschleppt zu werden, um dort in einem subtropischen Arbeitslager sinnloses Spielzeug herzustellen.
Moment.
Weihnachtsmann? Krokodilkobolde?
Damit nicht genug. Es treten in weiteren Rollen auf: fleischfressende Rentiere, homosexuelle Faune, humanoide Erdkröten, ein sprechender Komet, ein brennendes Kind, ein zweitausendjähriges Kind. Und damit sind wir beim Kernproblem des Buches. Dieses absurde Figurenensemble erwartet man vielleicht in einem leicht kitschigen Kinderbuch. Man verzeiht es einem Walter Moers. Aber Nicolaisens Roman will etwas anderes sein, weder Weihnachtsmärchen, noch komische Groteske. Stattdessen gibt es einen waschechten Entwicklungsroman, dessen psychologischen Momente, besonders am Anfang vil zu bitter sind, um als Lektüre für unter 16-Jährige durchzugehen. Diese Eltern mögen ihre Kinder wirklich nicht, und das ist ein Moment, der für „echte“ Kinder und Eltern schwer zu ertragen ist. In der Folge gibt es dann Nachhilfeunterricht über modernen Kapitalismus. Mika kämpft sich quasi von den tayloristisch-fordistischen Wurzeln bis ins moderne mittlere Management, entlarvt den Weihnachtsmann als das, was er wirklich ist (wir erinnern uns: Der Typ in Rot ist eine Erfindung eines US-Brausekonzerns), kommt schließlich in einer Art Hippiekommune an, bei der zwar nicht alles eitel Sonnenschein ist, die Mika aber immerhin von ihrer gesellschaftlich oktruierten Homophobie kurieren kann.
Das ist schon ein schweres Brett, was der Autor uns hier zumutet: Einerseits das popkulturelle Figurenarsenal von C.S. Lewis über Henry Ryder Haggard bis H.P. Lovecraft, quer durch den Gemüsegarten der Phantastik, andererseits eine wirklich feine, hyperrealistische Charakterzeichnung, wie sie einem modernen Jugendbuch gut zu Gesicht steht.

Warum, warum, frage ich mich, ist dieses Buch kein Bestseller? Warum hat es nicht 1337 begeisterte Bewertungen auf Amazon und steht auf Platz 3 der Spiegel-Bestsellerliste? (Platz 3, weil dort die wichtigen Bücher stehen, die Plätze 1 und 2 werden normalerweise vom aktuellen Vampir-Folter-Schweden-Hype und seinem Klon belegt.) Warum gibt es das Buch nur im Selbstverlag des Autors, zudem nur als E-Book, igitt?
Der Grund ist wohl, dass hier ein wirklich gutes Buch ohne jegliche Zielgruppe vorliegt. Es sieht aus wie ein Kinderbuch, riecht und schmeckt wie ein Jugendbuch, aber wenn man Nachts schweißgebadet mit vollem Bauch vom Weihnachtsbraten aufwacht, dann hockt dort der spitzahnige Kobold und erklärt einem Marx. Das ist schade für die zehntausend potentiellen Leser, die daher diesen Roman nie lesen werden. Ich bin aber froh, dieses unbestreitbare Glanzlicht deutschsprachiger Phantastik gelesen zu haben und kann es jedem nur empfehlen.

Jasper Nicolaisen: Winteraustreiben, Amazon

Rache – frisch gebeamt

Titelbild3_kleinMeine Best-Of-Sammlung von Erzählungen aus den Jahren 2005 bis 2012 ist ja schon seit zwei Monaten bei Amazon erhältlich. Weil das Ding so ein erdrutschartiger Erfolg war (immerhin habe ich 5 – in Worten: FÜNF – Exemplare in der Zeit verkauft), gibt es das E-Book jetzt auch bei Beam-EBooks.

Warum? Amazon bietet E-Books grundsätzlich nur im hauseigenen Format an. Das ist sehr bequem, wenn man einen Kindle hat, schließt aber Leser mit anderen Lesegeräten aus. Daher gibt es meine unsterbliche Prosa ab heute auch im verbreiteten ePub-Format.

Rache ist eine schwere Schaufel

Rache ist eine schwere Schaufel

Titelbild3_kleinIch hab’s getan.

Ja, fast schäme ich mich ein wenig, aber es wird einem heutzutage ja auch zu einfach gemacht. Jahrelang wollte ich irgendwie drumherumkommen, habe professionelle Hilfe gesucht, habe Bewerbungen herumgeschickt. Aber immer dasselbe: Mitleidiges Kopfschütteln, eisiges Schweigen, vielleicht mal ein tröstendes „In ein paar Jahren …“

Da habe ich eben selbst 15 Kurzgeschichten herausgesucht, in ein E-Book compiliert, ein hübsches Titelbild gepinselt und das ganze bei Amazon veröffentlicht. „Rache ist eine schwere Schaufel“ heißt das Machwerk und enthält eben jene 16 Kurzgeschichten aus den Jahren 2005 bis 2012.

Und was soll ich sagen? 7 Tage ist das Ding jetzt online und keine Sau interessiert’s. Ich bin echt enttäuscht von meinen Fans! ;)

Ach ja, Inhalt:

  1. Ding und Tank-Mädchen
  2. Imago
  3. Retrozone
  4. Invasive Techniken
  5. Die Ernte fällt heut‘ aus
  6. Im Garten eines Kraken
  7. Klick, klick, Kaleidoskop
  8. Erinnerungsfoto
  9. Die verhinderte Himmelfahrt der Jana Maria-Magdalena Sibelius
  10. Gemein: Von Hundefutter-Memen befallen!
  11. Rache ist eine schwere Schaufel
  12. Arm von Silber, Herz von Messing
  13. Unter den Regenbogendrähten
  14. 300 PS intravenös
  15. Asaker von Asgard

Oops, sind ja nur 15. Na, da ist wohl noch eine Titelbildrevision fällig.

Zwei Welten und industrialisierte Elfen

Was wäre, wenn es mehr als eine Welt gäbe? Und wenn man sich für eine entscheiden könnte? Würde man die „bessere“ wählen? Auf welcher Basis? Was heißt denn „besser“?

Eigentlich haben wir fast immer die Wahl. Jeder macht sich mal Gedanken, was denn in seinem Leben besser laufen könnte, aber – wenn wir ehrlich sind – haben wir es selbst in der Hand, unser Leben zu verbessern, sei es auch nur ein wenig. Man muss sich nur entscheiden.

Darum geht es in meiner Geschichte „Filtersyndrom“, gerade als Zweiteiler erschienen in den Ausgaben 26/11 und 01/12 in der Computerzeitschrift c’t.

Eine Weihnachtsüberraschung für mich: Die neueste Ausgabe #45 der phantastisch! – eigentlich die Januarausgabe – ist bereits an die Besteller ausgeliefert. Darin zu lesen gibt es unter anderem meine Elfpunk-Geschichte „Rache ist eine schwere Schaufel“. Elfpunk? Das ist so ein Subgenre, das sich mal aus Michael Swanwicks Roman „The Iron Dragon’s Daughter“ entwickelt hat. Justina Robson schreibt so etwas auch ab und zu. Jetzt eben auch ich – wobei in derselben Welt schon vor Jahren mal eine Geschichte von mir spielte, nämlich „Fließe, mein Herz“. Es geht um eine unglückliche Liebe zu einer Bäckereifachverkäuferin, um eine alte Schuld und um ein besser vergessenes Talent.

Exotische Sprachen

Es geht um exotische Sprachen, wie zum Beispiel Deutsch oder Spanisch. Exotisch? Aber ja, denn der Großteil der Weltproduktion an fantastischen Kurzgeschichten erscheint nach wie vor auf englisch. Selbst übersetzen kann man als Autor für gewöhnlich nicht – eigentlich klar, wenn man sich überlegt, wie lange man allein gebraucht hat, um in seiner Muttersprache einelesbare Geschichte hinzubekommen. Die wenigsten kennen wohl einen Native Speaker, der das eigene Produkt mal eben für die SF-Freunde in Übersee lesbar machen kann, und selbst wenn: Frank Haubold führte kürzlich aus, dass sich der Aufwand kaum lohne.

Was bleibt? Warten, bis man einen Roman fertig hat, in der Hoffnung, diesen über seine Agentur in die USA zu verkaufen? Aber die ganzen schönen Kurzgeschichten! Das Auswärtige Amt oder das Goethe-Institut anpumpen? Eher nicht – die sind an wertvoller Kultur interessiert, nicht an Geschichten über sprechende Raumschiffe und Zombies.

Derartige Gedanken hat sich auch New-Weird-Papst Jeff Vandermeer gemacht, und überlegt nun laut, ob er nicht eine Art Stiftung auf die Beine bringt. Interessant wäre das allemal.

ER 11

Ebenfalls erschienen: Earth Rocks 11, Florian Stummers & Manu Führers interessantes Magazin. (Von daher müsste es eigentlich F.S.M.S. heißen.)

Als Premiere wurde diese Ausgabe gemeinsam von einem Redaktionsteam erstellt, mit nur sanfter (aber bestimmter) Anleitung durch die Doppelspitze im Hintergrund. Die SF-Redaktion habe ich übernommen, ein Teil der Artikel geht also auf meine Auswahl zurück. Ich selbst steuere diesmal einen kleinen Aufsatz über Spielwürfel bei, sowie eine Übersetzung aus dem Englischen, Elena Clarks lustige Miniatur „Der Zeitreiseführer – Sonderbeilage“.

Und weil das alles bei aller Arbeit trotzdem Spaß gemacht hat, machen wir das bei ER 12 gleich nochmal!