Gelesen: Die Audienz

Der Wurdack-Verlag gibt mit beeindruckender Frequenz hochwertige SF-Anthologien heraus. Das begann vor Jahren mit „Deus Ex Machina“, seit „Tabula Rasa“ war auch ich dann regelmäßig mit einer Geschichte vertreten. Meine zuletzt für den DSFP nominierte Kurzgeschichte „Klick, klick, Kaleidoskop“ erschien in „Molekularmusik“.

Der letzte Band nun – „Die Audienz“ – musste ohne mich auskommen. Zu lang, zu wenig auf den Punkt war meine Geschichte wohl, vermute ich. Ein Grund mehr für mich, einmal kritisch in den resultierenden Band reinzulesen.

Hatte ich vielleicht mit einer Enttäuschung gerechnet, so nach dem Motto „Warum denn die und ich nicht?“, so muss ich neidlos zugeben, dass das Buch rundum gelungen ist. Ich behaupte sogar, dass es unter den bisherigen Bänden der beste ist.

Den Anfang macht Frank W. Haubold mit „Die Audienz“. Ich bin sowieso ein Fan von Franks Stil, aber ich muss zugeben, dass ich manche seiner Geschichten etwas brav finde. Am besten ist er immer, wenn es um Mythen geht, wenn der Hauch einer Legende im Hintergrund weht. Und genau das bietet diese Geschichte. Dabei ist sie reine, klassische SF, komplett mit geheimnisvollen Außerirdischen und Generationenraumschiff. Ganz toll, Highlight Nummer 1!

Es folgt Bruna Phlox mit „Hör auf die Wahrsagerin, Nishka!“, eine Geschichte, die den letzten Cyberpunk-Autorenwettbewerb gewonnen hat. Zurecht, denn Bruna spielt mit montierten Einsprengseln, erzählt wild drauflos und fängt so das fragmentierte Lebensgefühl einer Online-Welt ein. Lohnend.

Bernhard Schneider hat in meinen Augen in den letzten Jahren eine kleine Entwicklung durchgemacht. Seine Texte lesen sich für mich zunehmend erwachsener, klebte er zu Beginn oft an stereotypen Charakteren mit englischen Namen, so finde ich seine neueren Geschichten reifer, zurückhaltender. „Sarah“ ist – obwohl von der Idee oft dagewesen – doch eine perfekt durchkomponierte Miniatur, die gar nicht so sehr SF ist, sich vielleicht auch in vielen Krimi-Anthologien gut gemacht hätte.

„Ein Schiff wird kommen“ von Regina Schleheck ist stellenweise witzig und hat – das kann die Autorin – eine lebensnahe Protagonistin. Auch der Wendepunkt am Schluss ist gut gesetzt, lediglich endet die Story im Nichts. Da habe ich beim Lesen eine größere Erwartung aufgebaut und war daher etwas enttäuscht.

„Ausgespielt“ von Christian Weis fügt seiner Kovac-Serie eine weitere Folge hinzu. Für Komplettisten sicher interessant, ich fand’s aber – bei aller Perfektion in der Erzählung – etwas langweilig.

Nadine Boos erzählt in „Finja-Danielas Totenwache“ von einer ungewöhnlichen Begräbnisfeierlichkeit, obwohl die Hauptperson noch gar nicht tot ist und eigentlich auch gar nicht beabsichtigt, schon abzutreten. Die ganze Situation hat mich sehr an Wolfgang Jeschkes preisgekrönte Erzählung „Nekyomanteion“ erinnert. Das ist kein schlechtes Zeichen, denn das ist eine meiner all-time Lieblingsgeschichten. Nadine schafft hier einen ganzen Strauß eindrucksvoller Charaktere, die herrlich aufeinander einhacken. Für mich Highlight Nummer 2.

„Christian Günther“ erzählt in „Der geborgte Himmel“ vom Scheitern der Mars-Kolonien und der Rückkehr zur Erde. Ein klassisches Setting mit einem gelungenen Spannungsbogen und einem passenden Ende. Wahrhaft gute Unterhaltung.

Karla Schmidts „Lebenslichter“ führt uns in eine nahe Zukunft, die sich auch ein wenig nach den frühen 80er Jahren anfühlt, denn das ganze ist eine Mischung aus den Dystopien der Ökobewegung und moderneren Technikeinsprengseln. Das liest sich sehr gut, hat mich aber leider weniger beindruckt als ich gehofft hatte.

„Phönix“ von Armin Rößler präsentiert eine Ferienkolonie auf einem Urwaldplaneten, die sich nur durch Dauereinsatz von Löschflugzeugen vor den dauernden Waldbränden retten kann. Auch hier ist gute Unterhaltung garantiert. Allerdings gebe ich Abzüge in der B-Note, denn plausibel fand ich die Motivation der Terroristen nicht, mir war auch am Schluss noch unklar, was das überhaupt bezwecken sollte. Gut war aber die Charakterzeichnung des Protagonisten.

„Der erste Roboter“ von Arnold H. Bucher liest sich wie eine Mischung aus Asimovs Robotergeschichten und einer Persiflage auf George W. Bushs Amtszeit. Das fand ich ziemlich öde, war aber auch – der Idee angemessen – angenehm kurz gehalten.

„Lod, Lad, Chine“ von Andreas Flögel folgt darauf sofort als „Asimov II“, diesmal eine Abwandlung von „The Robots of Dawn“ des Altmeisters. Das wiederum war okay, wenn ich auch zugeben muss, dass man, wenn man fast alles von Asimov gelsen hat, nicht noch mehr Asimov braucht.

Kai Riedemanns „Ich töte dich nach meinem Tod“ könnte fast eine Tatort-Folge sein – aus dem Jahr 2020. Ich bin nun kein großer Freund von SF-Krimis, aber das hier war knackig, kurz und mit überraschender Wendung am Schluss.

Wo wir gerade bei Asimov waren: Heidrun Jänchens „Kamele, Kuckucksuhren und Bienen“ erinnert an einen anderen Altmeister, nämlich an Lem. Jänchens Geschichte ist für mich einfach perfekt, es gilt ein Geheimnis zu entdecken, es gibt eine Pointe und dann noch eine zweite Pointe! Highlight Nummer 3.

Und weiter geht es mit Highlicht Nummer 4: Jakob Schmidts „Auslese“. Heutzutage versteht man unter „Urban Fantasy“ ja so komische Blutsauger-in-der-Disco-Geschichten. Dabei ist das, was Jakob schreibt für mich die bessere, weil wirklich „urbane“ – ja nicht Fantasy – sondern hier SF. Die darin steckenden Ideen sind einfach so toll, dass ich ganz neidisch werde (ha! doch noch Neid!). Sollte ich hier einen Klassikervergleich wagen, so würde ich mal wieder John Shirley anführen, der diese Mischungaus abgedrehten kosmologischen Theorien und Satire auf Konsumverhalten und Kommerzialisierung auch mal so gut draufhatte. Als älteres Vorbild (nur inhaltlich) steht natürlich Lovecraft dahinter, denn die Fleischengel sind ja nichts anderes als das kalte, rechnende Universum, dem der Mensch nur ein Zahnrad – oder eben ein Speicherchip – ist.

Andrea Tillmanns „Hitze“ ist ein gut geschriebener … Romananfang. Denn wenn es eigentlich losgeht endet die Geschichte. Schade eigentlich. Außerdem fand ich nicht alles inhaltlich plausibel, aber das ist ja bei wirtschaftsapokalyptischen Storys eigentlich immer Ansichtssache.

Das Ende macht Karsten Kruschel mit „Ende der Jagdsaison auf Orange“. Aucb hier ein paar Vergleiche aus der Mottenkiste meines Hirns: „Der Preis“ von William Voltz, natürlich „Midworld“ von Allan Dean Foster. Die Idee einer sich rapide genetisch adaptierenden Biosphäre ist toll, da steckt eine Menge Potential drin. (Nebenbemerkung: Ich denke, ein solcher Mechanismus könnte die Entstehung von Intelligenz verhindern, denn er ersetzt ja effektiv die Adaptionsfähigkeit die sonst ein sozialer oder intelligenter Organismus bringen würde.) Negativ fiel mir nur das Japan-Thema des „bösen“ Konzerns auf – ist die Geschichte evtl. schon in den 80ern geschrieben worden? Trotzdem ein toller Abschluss, für mich Highlight Nummer 5.

Hey, fünf Highlights in 16 Geschichten und kein Totalausfall. Wie gesagt, für mich ist „Die Audienz“ der bisher gelungenste Band der Reihe – ich gehe jetzt eine Runde heulen, dass ich nicht dabei war.

Frohes neues Jahr wünscht

Niklas

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Eine Antwort to “Gelesen: Die Audienz”

  1. Rezensions- und Diskussionshagel « Jakobs Blog Says:

    […] genialer SF-Stories wie „Klick, Klick, Kaleidoskop“) hat den Storyband Die Audienz rezensiert, der meine Geschichte „Auslese“ […]


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