Es gibt noch Fanzines

Im Zeitalter von Print on Demand, dem Internetz und Podcasts hält sich kaum noch jemand mit der Herausgabe eines schnöden Fanzines auf Papier auf. Man kann ja auch gleich eine Anthologie bei einem PoD-Anbieter herausbringen, oder besser noch – weil völlig kostenneutral – das ganze übers Netz regeln.

Andererseits ist die gedruckte Form meiner Meinung nach die optimale für eine Geschichte. Hörbücher haben ihre Fans und ihre Vorzüge, aber ich finde, es gibt kaum etwas entspannenderes als selbst zu lesen. Tempo und Wiederholungen, alles kann ich selbst bestimmen.

Das Fanzine XUN ist eines der wenigen überlebenden. Entsprechend groß ist der Geschichtenpool, den die freie Redaktion XUN mittlerweile angesammelt hat. Daher war ich selbst einigermaßen überrascht, in Ausgabe 21 meine Fantasy-Harry-Potter-Abrechnung „Das letzte Duell“ vorzufinden – konnte ich mich zunächst doch gar nicht mehr erinnern, sie überhaupt eingeschickt zu haben. (Natürlich führe ich genau zu diesem Zweck eine Liste, in der alle Einsendungen vermerkt werden.) XUN ist ein wirklich traditionelles Fanzine. Hier wird das Logo noch mit Filzstift ausgemalt, auch wenn inzwischen am PC gelayoutet wird, statt mit Schere und Klebstoff.

Ebenfalls in dieser Ausgabe vertreten sind Frank Hebben mit einer lustigen Robotergeschichte (willkommene Ablenkung von seiner intensiven aber auch etwas ekligen Body-Horror-SF), solide Kost etwa von Christel Scheja oder Christiane Gref, und Sami Salame, junge SF-Hoffnung, hier aber mit seiner psychopathologischen Nahaufnahme „Ente und Onkel“. Sam pflegt einen ganz seltsamen Stil einer traumartigen, dennoch von innerer Logik bestimmten Erzählweise, die ich ziemlich lohnend finde.

Bei der Gelegenheit: Im SF-Netzwerk entzündet sich mal wieder eine Diskussion über den angeblichen Nicht-Unterhaltungswert von „literarisch anspruchsvoller Phantastik“. Gemeint ist hier eine Erzählweise, die sich von der herkömmlichen linearen, monoperspektivischen, dritte-person Arztroman-Erzählung unterscheidet, die in der Phantastik immer noch dominiert. Es ist nicht so, dass ich auch diese traditionellere Erzählweise nicht schätze. Jeder alternativen Form aber den Unterhaltungswert abzusprechen ist einfach nur dumm. Willkürliches Beispiel: Andreas Eschbachs in meinen Augen bestes Buch ist immer noch „Die Haarteppichknüpfer“, eben weil er hier von der „Normalform“ abgewichen ist und eine Collage von Kurzgeschichten gewählt hat. Aktuell wird Daniel Kehlmann für genau diesen Kunstgriff in „Ruhm“ über den grünen Klee gelobt. Soll er ruhig, aber Eschbach konnte das schon vor mehr als zehn Jahren, und erfunden hat er diese Romanform auch nicht.

Ich komm schon wieder vom hundersten ins tausendste. Zusammenfassend: Schaut euch XUN mal an, und wenn ihr mutig seid, lest GOLEM. Da gibt’s die richtig coolen Sachen zu lesen.

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