Verloren!

Na ja, besser gesagt: Ein undankbarer vierter Platz im diesjährigen CapCo.de. Nachdem ich letztes Jahr mit dem dritten Platz immerhin auf dem Siegertreppchen stand, darf ich mich diesmal also – wenn auch ganz vorn – unter das Fußvolk mischen. Allerdings: Müsste ich entscheiden, wer der drei vor mir platzierten – Andrea Tillamanns, Benedict Marko oder Christian Günther – gefälligst mit mir zu tauschen habe, ich könnte es nicht. Alle drei Geschichten sind einfach zu gut.

Also, nächstes Jahr macht Frank Hebben wohl auch wieder mit – na toll. Da brauch ich ja gar nicht erst antreten.

Hopp, zurück in die Schreibstube!

Retrobonus

Mein Hacker-Nostalgie-Postsingularitäts-Pubertätsdrama „Retrozone“ kommt ja beim CapCo.de ganz gut an. Das hatte ich nicht erwartet, aber ich will den Tag nicht vor dem Abend loben. Ich hatte schon erwähnt, dass mir die Idee recht lange im Kopf herumging, auch ein Anfang existierte, aber irgendwie stimmte das so noch nicht. Wie sich herausstellte, lag’s an der Perspektive; ursprünglich hatte ich die Geschichte aus Sicht der Mutter angelegt. Das ging nicht, wie Ihr in folgendem Schnipsel nachlesen könnt (quasi als Bonustrack, und als Dokumentation, was ich sonst so wegwerfe):

Retrozone, West-Berlin

Daniela träumt wieder, und es ist derselbe Traum wie immer: Erst sieht sie West-Berlin aus großer Höhe, dieses Meer aus winkligen Schatten und Beton. Sie entfernt sich schnell, emporgerissen von einer Beschleunigung, die ihre Eingeweide wie Gummibänder zieht. Schon kann sie kaum noch Details erkennen, Berlin wird zu einem undeutlich umgrenzten Fleck in der Einöde Brandenburgs, wie ein Melanom auf trockener Haut.
Kein Ziehen mehr: keine Eingeweide. Sehr angenehm.
Bald erreiche ich eine niedrige Umlaufbahn, denkt sie, dann kann ich die leere Welt von oben sehen.
Keine Schwere am Boden, nur schweben, gleiten, träumen, manchmal mit den anderen reden, den anderen, die da waren und doch so weit verstreut.
Träume vom Fliegen, Fallen oder Gleiten sind eine häufige Erscheinung in der Pubertät, ging es ihr durch den Kopf. Sie sind ein Symbol des Unterbewussten – oder so – für die erwachende Sexualität. Bloß, dass ich meine Pubertät schon dreißig Jahre hinter mir gelassen habe. Bei mir ist das kein Symbol, bei mir -
Das Stakkato-Piepen des Weckers zerschnitt ihren Traum, wie die Aluminium-Jalousie das Morgenlicht.
Dani, willkommen zurück in der Retrozone! Ein neuer Tag und anspruchsvolle Aufgaben erwarten dich, und nicht vergessen: Wir schreiben das Jahr 1983.
Aus den Augenwinkeln sieht sie sich am Schlafzimmerspiegel vorbeischlurfen, die ergraute Unterwäsche in der sie schlief ein Symbol ihres Liebeslebens.
Klar, Träume vom Fliegen.
Auf dem Weg ins Bad: Susannes Zimmertür steht offen, die Bettwäsche unberührt. Wieder einmal übernachtet ihre Tochter bei einer Freundin – hofft sie.
Sie duscht, hasst das Gefühl, wenn Wasser über ihr Gesicht läuft, verabscheut es, weil sie atmen muss. Manchmal hasst sie es, zu atmen, es ist einfach eine Last.
Das Handtuch fährt über ihren Bauch wie ein Scanner an der Supermarktkasse, registriert jede neue Falte, jeden neuen Fleck auf ihrer Haut. Noch ein Punkt, auf den sie gern verzichtet hätte: Altern. Was man nicht alles für die Kinder in Kauf nimmt!
Ihr Frühstück besteht aus Diät-Cola und einem hartgekochten Ei. Während sie sorgfältig isst, zurrt sie mit der linken Hand ein Kabel aus dem Tastentelefon auf der Anrichte und stöpselt es in die Buchse hinter ihrem Ohr. Die Küche wird halbtransparent und vom Bild eines Mannes mit Dreitagebart in einem fliederfarbenen Sacko überlagert: Max Beckert, ihr Vorgesetzter im Amt für retrospektive Ordnung.
»Guten Morgen, Dani«, beginnt er und grinst wie Don Johnson, dessen Frisur er imitiert. »Wir haben heute drei gemeldete Fälle. Der erste -«
»’N Morgen, Max. Mach mal langsam, ich bin noch nicht ganz wach.« Der metallische Geschmack der Diät-Cola erweckt ihre trockene Zunge zu neuem Leben. Die Buchse hinter ihrem Ohr knistert leise, Kriechströme beißen in ihre Nebenhöhlen.
Muss ich neu kalibrieren lassen, denkt sie.
Max ist aus dem Konzept gebracht, findet sein Grinsen aber schnell wieder. »Der erste Fall ist ein Discobetreiber in Hellersdorf. Hat wohl einen Hologrammprojektor irgendwo organisiert.«
Dani bemüht sich, ihr Frühstücksei durch Max’ Kopf zu erkennen. »Das ist wohl eher ein Fall für die Eingreiftruppe. Sollen ihm das Ding wegnehmen, normale Geldstrafe.«
Max nickt. »Habe ich auch gesagt. Der zweite Fall betrifft einen Tätowierer, der anscheinend Animatoos sticht. Hat eine Menge Kunden zu verzeichnen, das Finanzamt ist auf seine Riesenumsätze aufmerksam geworden. Das könnte ein Problem sein.«
»Gibt es eine Kundenliste?«
»Genau das müssen wir herausfinden. Ich brauche dir wohl nicht erzählen, was passiert, wenn plötzlich Massen von Leuten mit bunt animierten Logos auf dem Hintern herumlaufen? Es muss sich ja nur irgendein Arzt die Dinger genau ansehen, und schon haben wir eine Singularität …«
Dani winkt ab und kaut ihr Ei.
»Gut.« Max schielt in eine Ecke außerhalb des Erfassungbereichs der Kamera. »Letzter Punkt: Ein Hacker. Ist wohl in eine Datenbank der Bundespost eingestiegen und hat dabei einen doppelten Boden erwischt. Zack, saß er ein Stockwerk tiefer im Cyberspace. Mann! Ich kann mir vorstellen, wie dem Typ die Sicherungen aus der Mütze gesprungen sind! Jedenfalls hat er eingesammelt, was er finden konnte und ist dann wieder raus.«
»Wie hat er das gemacht? Ich meine, so schnell kann doch gar keiner tippen, ganz zu schweigen davon, dass er im Space gar nichts sieht, ohne passende Sichtgeräte.«
»Das ist der Punkt. Wir haben uns die Log-Dateien schon angesehen. Der Junge hat eine Buchse, und zwar eine Commodore Geoplug 16! Es wird deine Aufgabe sein, herauszufinden, wie er die bekommen hat.«

Ding und Tank-Mädchen

Es ist schon manchmal ein Kreuz mit Studierenden aus dem Ausland: Man möchte sie nur zu gern in der eigenen Universität sehen, denn groß ist das Ansehen und die kulturelle Bereicherung, die damit einhergehen. Internationalisierung ist eine großartige Sache! Aber die formalen Hürden müssen überwunden werden: Wie also soll man überprüfen, ob man es dem netten Bewerber wirklich ersparen kann, sich erneut durch die Grundlagen der Differentialrechnung zu quälen? Sicher, er hat die Vorlesung schon in Peking belegt, aber war das wirklich derselbe Stoff? (Und was sind das für Zeichen da auf seinem Zeugnis?)

Nicht leicht! Schlimmer aber, wenn der Bewerber nicht in Kalkutta, sondern noch weiter entfernt studiert hat, etwa auf Regulus IV. Was dann passieren kann, ist in meiner Geschichte „Ding und Tank-Mädchen“ zu lesen, ab heute im Corona-Magazine #178.

Listened to the universe

Bereits vor fast einem Monat brachte die mir bisher unbekannte Blog-Seite fictionBox einen sehr ausführlichen Bericht von Tonmeister  und rasendem Webreporter Christian Spließ über die Lesung im Radom Bochum. Auch ich durfte dort ja meine Geschichte „Ding und Tank-Mädchen“ vorlesen, die übrigens gut ankam.

„Ding und Tank-Mädchen“ wird demnächst im Corona-Magazine erscheinen. (Ihr kennt ja die Geschichte mit „demnächst“: Duke Nuke’em Forever erscheint demnächst, Hurd wird auch demnächst fertig … aber nein, das nächste Corona kommt garantiert vorher.)

Capco.de startet

Ab heute startet der Capco.de, der „Cyberpunk Autorenpreis der Community“. Mit dabei auch meine Geschichte „Retrozone“ – und wenn Ihr mit abstimmen wollt, seid bitte gnädig: Die Last-Minute-Kürzungsmaßnahmen haben einige Opfer in der Grammatik gefordert …

Auch sonst gibt es einige lesenswerte Beiträge, zum Beispiel Christian Günthers Post-Apokalypse „Dreistern Blau“ oder Florian Stummers nostalgische Gralssuche „Raus aus Neu-Tunis“.